Im Farbenrausch nach Grand Falls
Über Nacht hat sich mal wieder alles geändert. Als ob jemand riesige Farbtöpfe in Rot, Gelb und Orange über den grünen Wald ausgekippt hätte. Der Indian Summer – oder wie die Kanadier auch sagen, der Canadian Summer – ist nun endgültig da. Im Deutschen würde man es wohl „Altweibersommer“ nennen: diese warme, sonnige Wetterperiode im späten Herbst, die nach den ersten Frostnächten einsetzt und die Wälder in ein atemberaubendes Farbenmeer verwandelt.
Auch wenn mir meine einfachen Erklärungen zur Laubfärbung gefallen haben, ist es an der Zeit den komplexen Vorgang doch wissenschaftlich zu hinterfragen. Manchmal sind die einfachen Erklärungen schlichtweg nonsens. Siemenstöpfe, Windrader - alles Quatsch. Irgendwann muss die Wissenschaft ran. Und die sagt Folgendes:
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Kurze Tage, kühle NächteDer Baum merkt, dass der Winter kommt: die Tage werden kürzer (Photoperiode), die Nächte kühler. Das ist das Startsignal, das grüne Chlorophyll abzubauen.
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Chlorophyll verschwindetChlorophyll ist teuer in der Herstellung, also wird es enzymatisch zerlegt (Chlorophyllase nennt sich dieser Prozess) und die wertvollen Bestandteile wie Magnesium und Stickstoff wandern zurück in Stamm und Wurzeln – quasi die Wintervorratskammer.
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Die Zweitbesetzung tritt aufJetzt sieht man die Carotinoide – Pigmente, die immer da waren, aber vom Grün verdeckt wurden. Sie bringen die gelben und orangen Töne.
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Und dann die Divas: AnthocyaneDiese roten Pigmente entstehen erst im Herbst neu. Dafür braucht es viel Sonne am Tag und kalte Nächte. Zucker staut sich im Blatt, wird umgebaut – und fertig sind die roten bis purpurnen Anthocyane. Sie schützen die Blätter vor zu viel Licht und vor schädlichen Sauerstoffmolekülen.
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Braun zum SchlussWenn gar nichts mehr übrig bleibt, übernehmen die Tannine das Zepter – dann wird’s braun, und das Blatt fällt.
Heute haben wir New Brunswick von Ost nach West durchquert – vom Atlantik bis an die Grenze zu den USA, wo New Brunswick und Maine aufeinandertreffen. 200 Kilometer auf der schnurgeraden Straße 108, Höchstgeschwindigkeit 80 km/h. Mehr will man auch gar nicht, denn jeder Kilometer ist ein Fest für die Augen. Links und rechts der Straße reiht sich ein Farbenrausch an den nächsten, und der Blick verliert sich in einer Laubpracht, wie wir sie nie für möglich gehalten hätten. Diesmal übertreiben die Reiseprospekte nicht, die mit diesen Bildern nach Kanada locken – sie untertreiben. Und wenn am Straßenrand Elche gestanden hätten, wir hätten sie glatt übersehen, so sehr waren wir gefesselt vom Schauspiel der Natur.
Heute ist die Kraft des Flusses gebändigt – direkt am Hauptfall wurde ein Staudamm errichtet, der Strom produziert. Unser Motel liegt praktischerweise genau hier, mit Blick auf den Damm und die Fälle. Vom sehr gut ausgestatteten Informationszentrum starten mehrere Wanderwege. Über unzählige Treppenstufen geht es hinunter bis fast in die Schlucht hinein.
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