Sonntag, 21. September 2025

200 Kilometer durch das bunte Herz von New Brunswick

Im Farbenrausch nach Grand Falls 

Über Nacht hat sich mal wieder alles geändert. Als ob jemand riesige Farbtöpfe in Rot, Gelb und Orange über den grünen Wald ausgekippt hätte. Der Indian Summer – oder wie die Kanadier auch sagen, der Canadian Summer – ist nun endgültig da. Im Deutschen würde man es wohl „Altweibersommer“ nennen: diese warme, sonnige Wetterperiode im späten Herbst, die nach den ersten Frostnächten einsetzt und die Wälder in ein atemberaubendes Farbenmeer verwandelt.

Auch wenn mir meine einfachen Erklärungen zur Laubfärbung gefallen haben, ist es an der Zeit den komplexen Vorgang doch wissenschaftlich zu hinterfragen. Manchmal sind die einfachen Erklärungen schlichtweg nonsens. Siemenstöpfe, Windrader - alles Quatsch. Irgendwann muss die Wissenschaft ran. Und die sagt Folgendes:

  • Kurze Tage, kühle Nächte
    Der Baum merkt, dass der Winter kommt: die Tage werden kürzer (Photoperiode), die Nächte kühler. Das ist das Startsignal, das grüne Chlorophyll abzubauen.

  • Chlorophyll verschwindet
    Chlorophyll ist teuer in der Herstellung, also wird es enzymatisch zerlegt (Chlorophyllase nennt sich dieser Prozess) und die wertvollen Bestandteile wie Magnesium und Stickstoff wandern zurück in Stamm und Wurzeln – quasi die Wintervorratskammer.

  • Die Zweitbesetzung tritt auf
    Jetzt sieht man die Carotinoide – Pigmente, die immer da waren, aber vom Grün verdeckt wurden. Sie bringen die gelben und orangen Töne.

  • Und dann die Divas: Anthocyane
    Diese roten Pigmente entstehen erst im Herbst neu. Dafür braucht es viel Sonne am Tag und kalte Nächte. Zucker staut sich im Blatt, wird umgebaut – und fertig sind die roten bis purpurnen Anthocyane. Sie schützen die Blätter vor zu viel Licht und vor schädlichen Sauerstoffmolekülen. 

  • Braun zum Schluss
    Wenn gar nichts mehr übrig bleibt, übernehmen die Tannine das Zepter – dann wird’s braun, und das Blatt fällt.


Fazit:
Indian Summer ist kein Zauber, kein Mondphänomen und auch kein Windradsog. Es ist Biochemie pur: Chlorophyll weg, Carotinoide sichtbar, Anthocyane frisch gebildet.
Oder einfacher: Sonne + kalte Nächte = Farbenexplosion. Und nun ist gut damit!

Heute haben wir New Brunswick von Ost nach West durchquert – vom Atlantik bis an die Grenze zu den USA, wo New Brunswick und Maine aufeinandertreffen. 200 Kilometer auf der schnurgeraden Straße 108, Höchstgeschwindigkeit 80 km/h. Mehr will man auch gar nicht, denn jeder Kilometer ist ein Fest für die Augen. Links und rechts der Straße reiht sich ein Farbenrausch an den nächsten, und der Blick verliert sich in einer Laubpracht, wie wir sie nie für möglich gehalten hätten. Diesmal übertreiben die Reiseprospekte nicht, die mit diesen Bildern nach Kanada locken – sie untertreiben. Und wenn am Straßenrand Elche gestanden hätten, wir hätten sie glatt übersehen, so sehr waren wir gefesselt vom Schauspiel der Natur.


Unser Tagesziel: Grand Falls. Der Ort trägt seinen Namen nicht zufällig. Hier hat der Saint John River, einer der längsten Flüsse Kanadas, eine tiefe und pittoreske Schlucht in den Fels geschnitten. Auf einer Breite von fast 70 Metern stürzt er in mehreren Stufen über rund 23 Meter in die Tiefe. Im Frühjahr zur Schneeschmelze ist die Wassermenge gigantisch – man sagt, dann donnern mehr als 90 Millionen Liter pro Minute durch die Schlucht. Kein Wunder, dass die Menschen den Ort schon früh ehrfürchtig „Grand Falls“ tauften.

Heute ist die Kraft des Flusses gebändigt – direkt am Hauptfall wurde ein Staudamm errichtet, der Strom produziert. Unser Motel liegt praktischerweise genau hier, mit Blick auf den Damm und die Fälle. Vom sehr gut ausgestatteten Informationszentrum starten mehrere Wanderwege. Über unzählige Treppenstufen geht es hinunter bis fast in die Schlucht hinein.



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