Montag, 15. September 2025

2 Tage in Guysborough

 Am nächsten Morgen in Guysborough – richtig, so schreibt man das – bestätigte sich unser Verdacht endgültig: Wir waren mitten in der Nachsaison gelandet. Überall Ruhe, kaum Touristen, viele Restaurants und Cafés hatten die Öffnungszeiten bereits verkürzt. Eigentlich genau das, was wir gesucht hatten, auch wenn der legendäre Canadian Summer sich weiter rar machte.

Unseren ersten vollen Tag hier verbrachten wir bei strahlendem Sonnenschein auf die bequemste Art: gar nichts tun. Vor der Jurte, in den Liegestühlen, nur der Blick über die Weingärten und die leichten Hügel ringsum. Herrlich faulenzend, mit einem Hauch schlechtem Gewissen, das aber nach spätestens zehn Minuten wieder verflogen war.

Abends wollten wir den Webergrill anwerfen – wenn man schon Glamping macht, dann bitte richtig. Würstchen waren schnell besorgt, nur die Beilage fehlte. Da erinnerte sich Sabine, dass sie morgens auf ihrer Suche nach ein paar Weintrauben fürs Frühstücksmüsli im nahen Gras ein paar Pilze entdeckt hatte. Also zogen wir los auf Pilzpirsch. Und tatsächlich: wir kamen mit reicher Beute zurück – Champignons in allen Größen. Also war das Beilagenproblem gelöst. Am Abend brutzelten auf unserem Grill nicht nur die Würstchen, sondern auch frisch gesammelte Pilze. Ob die kanadische Variante des Indian Summer nun mit oder ohne Vollmond einsetzt, blieb weiterhin offen. Aber kulinarisch war er bei uns schon angekommen.




Man kann ja nicht immer faul rumliegen – also führte uns der zweite Tag von Guysborough ins ca. 50 km entfernte Fischerdorf Canso. Auch hier war es ruhig, sehr ruhig – aber das störte uns kaum. Genau das hatte ja seinen Charme.

Canso ist eines der ältesten Fischerdörfer auf dem kanadischen Festland. Franzosen und Basken kamen ab dem 16. Jahrhundert, um hier Fischfang zu betreiben. 

Später, Anfang des 18. Jahrhunderts, wurde Canso für die Briten strategisch wichtig – Forts wurden errichtet, es gab wiederholt Konflikte mit Franzosen und den Ureinwohnern Nordamerikas vom Stamm der Mi’kmaq.

Heute ist Canso zwar kein lebhaftes Zentrum mehr, aber es trägt sein Erbe sichtbar: alte Fischerei, historische Orte wie die Canso Islands und das Grassy Island Fort, und jener Hauch von Geschichten, den man spürt, wenn man durch den Hafen geht. 


Wir hatten uns vorgenommen, zwei Wanderungen zu machen – richtige Wilderness Trails mit allem, was dazugehört: moosbewachsene, dunkle Waldwege, Tiere (wir hofften auf Hirsche, vielleicht sogar einen Wal), und spektakuläre Ausblicke aufs Meer und Ahornbäume.

Wanderschuhe geschnürt – und los ging’s. Unsere erste Tour war zum Gully Trail (wir gaben ihm so einen fast geheimen Touch, denn er war in keiner Broschüre verzeichnet). Die Warn- oder Hinweisschilder versprachen Begegnungen mit Schwarzbären, Hirschen, Aussichtspunkten über die Ahornwälder und aufs Meer. Wir hatten zwar unsere Bärenpfeife vergessen – typisch – aber das gedachte Risiko machte es nur spannender.



Die Natur lieferte: moosige Böden, Schattenwald, vereinzelt Vogelstimmen – aber keine Schwarzbären. Dafür entdeckten wir Blaubeeren zuhauf: süß, sommerlich, wie kleine Aromaregale zum Naschen. Und dann die Stechmücken! Die kleinen Biester hatten auch offenbar Vorliebe für uns entwickelt, also abwechselnd schlagen und latschen – und weiter.

Die zweite Wanderung des Tages führte uns zum Black Duck Trail – oder wie wir ihn sofort ins Deutsche übersetzt haben: „der Pad der schwarzen Ente“. Schon der Name klang nach Abenteuer, in der Praxis bedeutete er aber vor allem: wieder absolute Einsamkeit. Wir waren allein unterwegs, und am Ende des Weges wartete eine ganze Badebucht nur auf uns.

Der Atlantik war kühl, aber nicht eisig. Ein erfrischendes Bad, so wie man es sich wünscht – kurz, prickelnd, wach machend. Wieder einmal dachten wir: Warum sind wir eigentlich die Einzigen, die hier sind? Nachsaison hin oder her, schöner kann es doch kaum sein.

Auch tierische Begegnungen blieben uns nicht erspart. Eichhörnchen sprangen über die Bäume und Wege, so nah, dass man fast ihre Pfötchen zählen konnte. Später, beim Zurückblicken, kamen wir überein: manches Vogelgezwitscher im Gebüsch war vermutlich gar kein Vogel, sondern Eichhörnchen-Gemecker. Klingt nämlich verdammt ähnlich – und wahrscheinlich haben die kleinen Kerle sich über uns lustig gemacht.



Doch die größte Überraschung war akustischer Natur. In der stillen Landschaft glaubte ich plötzlich, einen Flugplatz in der Nähe ausgemacht zu haben. Ein tiefes, gleichmäßiges Dröhnen, wie von Turbinen. Bis wir schließlich vor fünf gigantischen Windrädern standen. Wuchtige Riesen, die sich im Takt drehten und bewiesen, dass auch die friedliche Natur ihre eigene Geräuschkulisse haben kann.

Und dann kam sie endlich: die erste sichtbare Spur dessen, worauf wir seit Tagen warten – zart verfärbte Ahornblätter. Vielleicht, ganz vielleicht, setzt der Indian Summer ja doch ein. Und weil wir die Stelle nie vergessen werden, haben wir auch gleich eine absurde Theorie entwickelt: Es liegt an den Windrädern. Die erzeugen so viel Luftwirbel, dass die Blätter durch den zusätzlichen „Sauerstoffschock“ rot werden. Oder war es der „Windstrom-Dünger“? Egal – Hauptsache, es tut sich was. Vollmond hin oder her.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Vier Wochen Kanada – und kein Tag wie der andere – ein Reiserückblick

Am Strom der Erinnerungen Wir sitzen am Ufer des St. Lorenzstroms, Montreal liegt hinter uns, und wir versuchen, die letzten vier Wochen Kan...